mini|Firmenzentrale in Hamburg-Hohenfelde, zwischen 1956 und 1958 entstanden, geplant von Ernst May (Aufnahme undatiert) Die Neue Heimat Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft m.b.H., kurz Neue Heimat (NH), war ein gemeinnütziges deutsches Bau- und Wohnungsunternehmen mit Hauptsitz in Hamburg. Das Unternehmen gehörte dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und ihm angeschlossenen Einzelgewerkschaften. Es ging auf eine 1926 in Hamburg gegründete gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft zurück. Die Neue Heimat entwickelte sich nach 1950 zum größten nichtstaatlichen Wohnungsbauunternehmen Europas, das bis 1982 mehr als 460.000 Wohnungen schuf.Hilde Strobl: „Hohe Häuser, lange Schatten“. Die Bauten des Gewerkschaftsunternehmens Neue Heimat. In: Andres Lepik, Hilde Strobl (Hrsg.): Die Neue Heimat (1950–1982). Eine sozialdemokratische Utopie … München 2019, S. 9. Als Ende der Abwicklung des Konzerns gilt das Jahr 1998.

Nach der Enteignung der gewerkschaftlichen Wohnungsbaugesellschaften durch die Nationalsozialisten gingen diese 1933 samt ihren Wohnungsbeständen in das Eigentum der Deutschen Arbeitsfront (DAF) über. Diese NS-Organisation sorgte 1939 für den Einheitsnamen Neue Heimat. Nach Währungsreform (1948), Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) und Rückgabe der Wohnungsbestände und -unternehmen an die Gewerkschaften (1948–1955) entwickelte sich von Hamburg aus ein Konzern, der sich bundesweit während der Wohnungsnot der Nachkriegszeit im Wohnungsbau betätigte. Das Unternehmen errichtete Siedlungen und Großwohnsiedlungen, um entsprechenden Wohnraum anschließend zu vermieten. Auch Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser bot es an.

In den „langen sechziger Jahren“Bezeichnung von Detlef Siegfried für den Zeitraum von 1958 bis 1973. Siehe expandierte die Neue Heimat in Bereiche, die nicht den Regeln der Wohnungsgemeinnützigkeit unterworfen waren, insbesondere in den Städtebau. Zugleich nahm die Neue Heimat im Ausland Bautätigkeiten auf. Die Unternehmensstruktur entwickelte sich Anfang der 1970er Jahre zu einem Gleichordnungskonzern, der sowohl gemeinnützige als auch gewinnorientierte Ziele anstrebte.

1973 lebten mehr als 1,5 Millionen Menschen in Wohnungen der Neuen Heimat. Das Unternehmen hielt in den Jahren nach der ersten Ölkrise desselben Jahres trotz erheblich veränderter volks- und weltwirtschaftlicher Umstände an seinem Wachstumskurs fest. Das führte zu gravierenden Finanzproblemen, die schließlich in die Auflösung der Neuen Heimat mündeten.

Auslöser einer nicht mehr zu bewältigenden Legitimationskrise des Konzerns waren 1982 Berichte des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Sie deckten auf, dass die Mehrheit der Vorstandsmitglieder um Albert Vietor sich zum Schaden des Unternehmens und der Mieter bereichert hatte. 1986 verkauften die Gewerkschaften über die Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften (BGAG) den Konzern kurzfristig zu einem Symbolpreis an Horst Schiesser, einen branchenfremden mittelständischen Unternehmer. Wenige Wochen später musste diese Transaktion rückgängig gemacht werden. Anschließend wurden die Wohnungsbestände schrittweise in kleineren und größeren Tranchen verkauft, überwiegend in regionalisierter Form; Tochtergesellschaften wurden ebenfalls veräußert oder abgewickelt.

Die Kosten, die der DGB und die Einzelgewerkschaften allein durch den Abwicklungsprozess des Städtebau-Konzernteils zu tragen hatten, werden auf 1 Mrd. DM geschätzt; die finanziellen Belastungen und Einbußen durch die Abwicklung des gemeinnützigen Konzernteils sind unklar.

Unternehmensgeschichte Ursprünge Anfänge in der Weimarer Republik (1918–1933) Wohnungsbau durch Gewerkschaften hatte bereits im Kaiserreich stattgefunden, entwickelte sich jedoch nicht zu einer breiten Bewegung. Nur rund 150.000 Gewerkschaftsmitglieder organisierten sich in zirka 1500 Wohnungsbaugenossenschaften, während die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 1913 bei rund 3 Millionen lag, Konsumgenossenschaften kamen damals auf rund 2 Millionen Mitglieder.Peter Kramper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik … Stuttgart 2008, S. 56 f.

mini|Von Karl Schneider für die GKB konzipierter Wohnblock in Barmbek-Nord, nach den Kriegszerstörungen wiederaufgebaut (Foto: 2005) Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hielten Vordenker des gewerkschaftlichen Wohnungsbaus diesen für einen wichtigen Faktor zur schrittweisen Überwindung kapitalistischer Verhältnisse. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund als Dachverband der sozialdemokratisch orientierten freien Gewerkschaften blieb zunächst reserviert. Das änderte sich erst mit dem Ende der Hyperinflation in Deutschland. 1924 war er bereit, gemeinsam mit dem Allgemeinen freien Angestelltenbund und dem Allgemeinen Deutschen Beamtenbund einen für den Wohnungsbau zuständigen Verband zu gründen: die REWOG, wenig später umbenannt in DEWOG. Viele der an die freien Gewerkschaften angelehnten Wohnungsbaugenossenschaften schlossen sich diesem Verband an. Die DEWOG förderte darüber hinaus, begünstigt durch die Hauszinssteuer, die Bildung kapitalkräftiger Wohnungsbaugesellschaften. Zwischen 1924 und 1926 entstanden 17 solcher Unternehmen. Die wichtigste war die GEHAG in Berlin. Diese gewerkschaftsnahen Wohnungsbaugesellschaften trugen die „Hauptlast des gewerkschaftlichen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik“.Zitat von Peter Kramper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik … Stuttgart 2008, S. 63. Die DEWOG entwickelte sich nicht zu einem Konzern, sondern verstand sich als eine Denkfabrik der gewerkschaftlichen Baubewegung. Sie war an den neuen regionalen Wohnungsbaugesellschaften nur geringfügig beteiligt und verfolgte nicht das Ziel, diese nach einheitlichen Vorgaben zu lenken.Peter Kramper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik … Stuttgart 2008, S. 57–66.

Eine der regionalen gewerkschaftlichen Wohnungsbaugesellschaften, die allerdings nicht zur DEWOG zähltePeter Kramper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik … Stuttgart 2008, S. 64. und sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur Keimzelle der Neuen Heimat entwickeln sollte, war die am 26. März 1926 gegründete Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft Groß-Hamburg (GKB). Gründer waren der Landesausschuss des ADGB, weitere in Hamburg präsente Gewerkschaften und SPD-Mitglieder – zusammen 59 Gesellschafter. Die GKB war eine sogenannte Ehrenteit-Gesellschaft, in der Vertreter der Stadt Hamburg im Aufsichtsrat saßen und weitgehende Vetorechte hatten.Ralf Lange: Gewerkschaftliche Wurzeln. Die Neue Heimat in Hamburg. In: Thomas Krebs, Michael Ahrens (Hrsg.): SAGA. 100 Jahre Wohnen in Hamburg. München / Hamburg 2022, S. 173. Bis 1933 errichtete und verwaltete sie 2700 Wohnungen. Sie fanden sich in den Stadtteilen Barmbek, Veddel, Winterhude, Horn, Dulsberg und Bramfeld. Einige der Bauten waren beispielgebend für das Neue Bauen.Landeszentrale für politische Bildung Hamburg in Kooperation mit dem Museum für Hamburgische Geschichte und dem Hamburgischen Architekturarchiv (Hrsg.): Die Neue Heimat. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. (PDF; 2,3 MB) Hamburg 2019, S. 6.

NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg (1933–1945) mini|Gebäude der von 1938 bis 1940 errichteten Schwarzwald-Siedlung in Hamburg-Langenhorn (Foto: 2015) Im Zuge ihrer Machtergreifung zerschlugen die Nationalsozialisten am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften, deren Wohnungsbaugesellschaften gliederten sie am 10. Mai 1933 in die DAF ein. Während das Führungspersonal ausgewechselt wurde, blieben das Anlagevermögen und die Organisationsstrukturen dieser Gesellschaften zunächst erhalten. Die seit dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise weitgehend ruhende Bautätigkeit kam erst im Zuge des Vierjahresplans nach 1936 langsam wieder in Gang. Die DEWOG wurde zu einer reinen Bauherrengesellschaft umgeformt. 1938 erfolgte die Anpassung der übernommenen Gesellschaften an die Gau-Struktur der DAF. Es galt das Prinzip: pro Gau nur eine Wohnungsbaugesellschaft der DAF. Bis Sommer 1939 erhielten alle einen einheitlichen Namen. Er lautete auf Neue Heimat plus die jeweilige Gau-Bezeichnung. Der Name Neue Heimat sollte mit einer Ausnahme (Gewoba Frankfurt) die Zeit des Nationalsozialismus überdauern. Ein bleibender Effekt war außerdem, dass die Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften sich aus den Milieus der Richtungsgewerkschaften lösten und sich mehr und mehr an der klassisch-kaufmännischen Rationalität orientierten. Von Ende 1938 bis Mitte 1941 wuchs der Wohnungsbestand der Neue-Heimat-Gesellschaften von 46.000 auf 57.000 Einheiten. In den weiteren Kriegsjahren ruhte der Wohnungsneubau. Der Bestand wurde durch Bomben- und Brandschäden deutlich dezimiert.Peter Kramper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik … Stuttgart 2008, S. 66–71.

Die 1930 in einer Notverordnung des Reichspräsidenten festgelegten Kriterien zur Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau überführten die Nationalsozialisten zehn Jahre später in ein Gesetz. Die Rechtsnormen zur Wohnungsgemeinnützigkeit galten fast unverändert bis 1990.Hierzu: Dirk Schubert: Wohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen … Hamburg 2019, S. 68 f. Siehe auch Pia Lange: Die Neue Wohngemeinnützigkeit. Unionsrechtliche Bedingungen für die Ausgestaltung der sozialen Zielgruppe (= Forschungsförderung Working Paper. Nummer 263). Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 2022, S. 20 f.; boeckler.de (PDF; 0,3 MB).

Die GKB wurde im Februar 1939 in Neue Heimat Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft der Deutschen Arbeitsfront im Gau Hamburg G.m.b.H. umbenannt. Bautätigkeiten nahm sie 1936 in Barmbek-Nord auf, dann in Horn, Bramfeld, Langenhorn, Finkenwerder und Ottensen. Der Baustil unterschied sich von dem der Republikjahre: Gebaut wurde in offener Zeilenbauweise, mit Lochfassaden und Satteldächern.Ralf Lange: Gewerkschaftliche Wurzeln. Die Neue Heimat in Hamburg. In: Thomas Krebs, Michael Ahrens (Hrsg.): SAGA. 100 Jahre Wohnen in Hamburg. München / Hamburg 2022, S. 176. Der Bestand wuchs in Hamburg auf 4.200 Wohnungen. Luftangriffe auf Hamburg, beispielsweise die Operation Gomorrha, zerstörten rund die Hälfte von ihnen.

Wohnungsnot in der Nachkriegszeit (1945–1950) mini|Trümmergelände in Hamburg-Hamm (Aufnahme undatiert) Auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik (ohne das Saarland und ohne West-Berlin) waren von 10,48 Millionen Wohnungen durch den Krieg rund 22 Prozent verloren gegangen. Die Bevölkerung wuchs hingegen. Verglichen mit dem Vorkriegsstand war die Bevölkerungszahl hier bis Herbst 1950 um 24 Prozent gewachsen; Heimkehrer, Flüchtlinge und Vertriebene drängten herein. Berechnungen ergaben für das Jahr 1950, dass zirka 5,3 bis 5,9 Millionen Wohnungen fehlten. Experten gingen von 30 bis 50 Jahren aus, erst dann sei auf dem Wohnungsmarkt ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu erwarten.Zahlen bei Peter Kramper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik … Stuttgart 2008, S. 42–44. Angabe Wohnungsfehlbestand von 5,3 Mio. bei: Landeszentrale für politische Bildung Hamburg in Kooperation mit dem Museum für Hamburgische Geschichte und dem Hamburgischen Architekturarchiv (Hrsg.): Die Neue Heimat. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. (PDF; 2,3 MB) Hamburg 2019, S. 10.