Die Republik Arzach (), bis 2017 Republik Bergkarabach, war ein De-facto-Staat in Bergkarabach und Zentrum des Bergkarabachkonflikts. Seit dem Ende der Offensive Aserbaidschans gegen Arzach im September 2023, in dem die arzachischen Streitkräfte aufgrund militärischer Unterlegenheit ihre Waffen niederlegten und die Regierung der Republik Arzach kapitulieren musste, kontrolliert Arzach kein Territorium mehr. Dessen überwiegend aus ethnischen Armeniern bestehende Bevölkerung ist nach der Kapitulation in einer Größenordnung von über 100.000 Menschen fast vollständig geflohen und hält sich seitdem vor allem in der Republik Armenien auf. Das Gebiet Bergkarabach ist dabei innerhalb von nur wenigen Tagen nahezu entvölkert worden. Die im September nach der Kapitulation angekündigte offizielle Auflösung der Republik Arzach zum 1. Januar 2024 wurde im Dezember 2023 von der ins Exil gegangenen Regierung zurückgezogen.
Bereits in sowjetischer Zeit war das Gebiet der späteren Republik Arzach eine Autonome Oblast innerhalb der Aserbaidschanischen SSR. Ein Referendum über die Unabhängigkeit Bergkarabachs von Aserbaidschan am 10. Dezember 1991 sowie die Unabhängigkeitserklärung erfolgten im Zuge der Auflösung der Sowjetunion. Nach dem Ende des ersten Bergkarabachkrieges 1994 war Bergkarabach auch de facto unabhängig und hielt zudem umgebende, bis zum Krieg mehrheitlich von Aseris bewohnte Gebiete unter Kontrolle, womit die nächsten fast dreißig Jahre eine gemeinsame Grenze zur Republik Armenien bestand. Im zweiten Bergkarabachkrieg 2020 erlitt die sich inzwischen „Arzach“ nennende Republik trotz der Unterstützung Armeniens große Gebietsverluste, der sogenannte Latschin-Korridor wurde als nun letzte Verbindung zu Armenien durch russische Truppen eingerichtet, bevor der aserbaidschanische Angriff im September 2023 auf das verbliebene Rumpfgebiet Arzachs zum Zusammenbruch der Republik führte.
Name Der Name Arzach nimmt Bezug auf mehrere auf dem heutigen Staatsgebiet in der Vergangenheit existierende armenische politische Gebilde: die antike Provinz Arzach des armenischen Reiches sowie das mittelalterliche armenische Königreich Arzach.
Geschichte Unabhängigkeit Das erste Referendum über die Unabhängigkeit wurde am 10. Dezember 1991 abgehalten. Es wurde von der aserbaidschanischen Minderheit boykottiert. Ergebnis des Referendums: Referendum, abgerufen am 23. Februar 2013.
StimmenAnteil in % Wahlberechtigte 132.328 100,00 Wähler 108.736 82,2 Ja-Stimmen 108.615 99,89 Nein-Stimmen 24 0,02 ungültige Stimmen 95 0,09
Verfassungsreferenden 2006 und 2017 Am 10. Dezember 2006 fand ein Referendum über einen Verfassungsentwurf statt.elections.nkr.am: Ergebnis des Referendums:sudd.ch Bergkarabach-Verfassung, abgerufen am 22. Februar 2013.
StimmenAnteil in % Wahlberechtigte 90.077 100,00 Wähler 78.389 87,02 Ja-Stimmen 77.279 99,28 Nein-Stimmen 554 0,72
Am 20. Februar 2017 wurde ein weiteres Verfassungsreferendum abgehalten. Mit einer Beteiligung von 76 % stimmten 87,6 % der Abstimmenden bei 9,7 % Gegenstimmen für eine neue Verfassung, mit der unter anderem an Stelle des bisherigen semi-präsidentiellen ein voll präsidentielles System eingeführt und der amtliche Name von „Republik Bergkarabach“ in „Republik Arzach“ geändert wurde, wobei „Republik Bergkarabach“ weiterhin als offizielles Synonym gilt.Artsakh Votes for New Constitution, Officially Renames the Republic. The Armenian Weekly, 22. Februar 2017. National Assembly of the Republic of Artsakh (Nagorno-Karabakh), the 6th convocation, Official website, 2017.
StimmenAnteil in % Wahlberechtigte 102.757 100,00 Wähler 79.314 76,44 Ja-Stimmen 69.540 87,6 Nein-Stimmen 7.686 9,7 Ungültig 2.202 2,8
Das Referendum galt auch als Reaktion auf den aserbaidschanischen Angriff auf Bergkarabach Anfang April 2016, bei dem unter anderem das Dorf Talisch zerstört wurde. Durch ein reines Präsidialsystem sollte in Sicherheitsfragen rascher reagiert werden. Bei dem Referendum waren 104 Wahlbeobachter aus über 30 Ländern anwesend, darunter die drei Europaabgeordneten Frank Engel aus Luxemburg, Eleni Theocharous aus Zypern und Jaromír Štětina aus Tschechien, der ehemalige deutsche Botschafter in Jerewan, Hans-Jochen Schmidt, und der ehemalige deutsche Europaabgeordnete Hans-Jürgen Zahorka.Andrew Rettman: Referendum to create ‘Republic of Artsakh’ on Europe’s fringe. Euobserver, 20. Februar 2017. Nach Angaben Schmidts und seines ehemaligen Nachfolgers als Botschafter in Jerewan, Reiner Morell, entsprach die Abstimmung – im Gegensatz zum autoritären Regierungsstil in Aserbaidschan – international akzeptierten Standards.German diplomats published an article about Artsakh. Artsakhpress, 3. Mai 2017. Nach Informationen von Frank Engel beantragte daraufhin das „Terrorregime von Baku“ über Interpol die Auslieferung der europäischen Abgeordneten per „Roter Ausschreibung“.«Das ist der Gipfel des politischen Schwachsinns.» Die Behörden in Aserbaidschan wollen den luxemburgischen EU-Abgeordneten Frank Engel festnehmen lassen. Auf Facebook reagiert der CSV-Mann auf die Berichte. L’Essentiel, 24. Februar 2017.
Zweiter Karabachkrieg 2020, Aserbaidschans Offensive 2023 und Zusammenbruch Arzachs Im zweiten Bergkarabachkrieg 2020 erlitt Arzach trotz der Unterstützung Armeniens große Gebietsverluste, während gemäß Waffenstillstandsabkommen russische „Friedenstruppen“ vor Ort stationiert wurden, welche auch den sogenannten Latschin-Korridor bewachen und passierbar halten sollten. Seitdem erkannte die Regierung der Republik Armenien die Zugehörigkeit des Gebietes zu Aserbaidschan zunehmend an, beharrte jedoch stets auf glaubwürdigen Garantien für die Sicherheit der armenischen Bevölkerung Bergkarabachs. Obwohl seitdem bereits ein politischer Prozess zur Lösung des Konfliktes zu Gunsten von Aserbaidschan im Gange war, entschloss sich die aserbaidschanische Führung dennoch zu einem finalen Angriff im September 2023, der unter Zurückhaltung der russischen Truppen zum Zusammenbruch Arzachs führen sollte.
Im Zuge der Offensive Aserbaidschans im September 2023 gegen das verbliebene Rumpfgebiet der Republik Arzach am 19. September 2023 erklärte dessen Führung einen Tag später nach über 200 Toten, dass die Streitkräfte ihre Waffen niederlegen würden und man Gespräche über eine Integration in den Staat Aserbaidschan beginne. Am 28. September 2023 gaben die Behörden Arzachs bekannt, dass die international nicht anerkannte Republik zum 1. Januar 2024 aufgelöst werden solle. In den Tagen zuvor hatte bereits über die Hälfte der Bevölkerung die Region in Richtung Armenien verlassen. Die Massenflucht hielt weiter an, sodass bis zum 30. September die Zahl von über 100 000 Flüchtlingen erreicht war, welche fast die gesamte Bevölkerung Arzachs ausmachten. Im Oktober 2023 zogen auch die Regierung und Institutionen Arzachs nach Armenien und richteten sich in ihrer Botschaft in Eriwan ein. In den folgenden Monaten wurde über ein Weiterbestehen der Institutionen beraten. Die Erklärung für die Auflösung der Republik Arzach wurde am 22. Dezember 2023 zurückgezogen.Separatistenführer erklärt Auflösung von Bergkarabach für nichtig. Zeit online, 22. Dezember 2023, Abruf am 24. Dezember 2023Separatistenführer: Auflösung von Bergkarabach nichtig. ORF, 22. Dezember 2023, Abruf am 25. Dezember 2023
Geographie mini|hochkant=1.4|Topografie mit Grenzen vom September 2020 Das derzeit nur noch formell beanspruchte Gebiet der Republik liegt im Südwesten von Aserbaidschan in den östlichen Ausläufern des Kleinen Kaukasus. Es entspricht etwa der Region Bergkarabach, von der der Staat seinen zweiten Namen hat. Bis zum Bergkarabachkrieg 2020 grenzte Arzach im Süden an den Iran, zu dem der Aras die Grenze bildete, und im Westen an Armenien. Damit umfasste es als Ergebnis des ersten Bergkarabachkrieges mehr als die eigentliche Region Bergkarabach. Nach erheblichen Gebietsverlusten im Jahr 2020 war die Republik vollständig von aserbaidschanisch kontrolliertem Gebiet umgeben und auch einige Teile des Kerngebietes Bergkarabachs waren nicht mehr unter Kontrolle des de-facto-Regimes.
Die höchste Erhebung des bis 2023 verwalteten Gebietes war zuletzt der Mrav-Sar (Berg Mrav) mit 3340 m Höhe, bis 2020 war es noch der Gamış dağı mit 3724 m Höhe, beide im Murovdağ-Gebirgszug an der nördlichen Grenze der Republik gelegen. Das beanspruchte Gebiet der Republik wird dominiert vom südlich an den Murovdağ anschließenden Karabachgebirge. Die größte Wasserfläche stellt der Sarsang-Stausee dar. Wichtige Flüsse sind der Tartar, der Murovdağ und Karabachgebirge trennt, der Chatschen und der Karkar. An letzterem liegt die größte Stadt Stepanakert, bis Ende 2023 der Regierungssitz. Die Landschaft wechselt von Steppe in den tieferliegenden Tälern und Ebenen über dichte Eichen- und Buchenwälder zu Birkenwäldern und alpinen Wiesen in den höheren Lagen.
Bevölkerung und Kultur Sprachen Nachdem seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 Armenisch de facto die alleinige Amtssprache in der Republik Arzach gewesen war, war sie dies seit Inkrafttreten der Verfassung der Republik Arzach im Dezember 2007 auch de jure. Die Verfassung garantierte allerdings in Artikel 15 den Gebrauch aller Sprachen, die in der Bevölkerung verbreitet sind. Andere Sprachen in dem Gebiet waren historisch Aserbaidschanisch, Kurdisch und Russisch. Wie in Armenien und Aserbaidschan ist Russisch die am meisten verbreitete Fremdsprache.
Religion Die armenische Bevölkerung, die laut Volkszählung von 2005 über 99 % der Bevölkerung ausmachte, gehört mehrheitlich der Armenischen Apostolischen Kirche an, während die bis zum ersten Bergkarabachkrieg hier ebenfalls lebenden (im Jahr 2005 laut Zensus noch sechs) Aserbaidschaner überwiegend Schiiten waren. Nach Abwanderung soll es im Jahr 2004 von einst mehreren Tausend noch etwa 30 Juden in der Republik Bergkarabach (Arzach) gegeben haben. Es gab zuletzt außerdem kleine Gruppen von evangelischen und von orthodoxen Christen. Die Religionszugehörigkeit wurde in Volkszählungen nicht erhoben. Znund, das Weihnachtsfest der Armenischen Apostolischen Kirche, wird als offizieller Feiertag am 6. Januar begangen.Office of the Nagorno Karabakh Republic, Washington DC: Country Overview, abgerufen am 15. Juni 2015.
Bildung In Stepanakert gab es die Staatliche Universität Arzach, an der 2007 etwa 5000 Studierende immatrikuliert waren.Studieren in einem nicht anerkannten Staat. auf der Homepage des Deutschlandfunks.
Feiertage Nationalfeiertag war der Unabhängigkeitstag am 2. September. Dieser ging auf die Unabhängigkeitserklärung von 1991 zurück. Weitere Feiertage waren der 10. Dezember (Referendum über die Unabhängigkeit von Aserbaidschan am 10. Dezember 1991), der 9. Mai als Tag des Sieges über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg 1945 und der Eroberung der Stadt Schuschi durch die Armenier im ersten Bergkarabachkrieg 1992.Die Feste im Mai in Armenien onewaytour.com, 15. April 2017, abgerufen am 1. Oktober 2023.
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